Gott hat beim Suizid meines Sohnes zugeschaut

…“denn ER hat seinen Engeln nicht befohlen, Ricardo zurückzuhalten“, so könnte der Satz zu Ende geführt werden. Hartmut Schott führt eine Praxis für Lebensberatung, Seelsorge und Therapie und verliert Ende Januar 2019 seinen einzigen Sohn – Ricardo - durch Suizid. Mit dem vorliegenden Buch gewährt er einen Einblick in den Verlauf des ersten Trauerjahres, bei dem „das zerbrochene Herz, die wunde Seele und der erschöpfte Körper …durch die erlebte Anteilnahme wie durch ein Wunder heilsam berührt“ werden. Mit feiner Hand geschrieben, stets in Verbindung zur eigenen Glaubens- und Innenwelt, erzählt, reflektiert, sortiert er das jeweilige Erleben; dabei führt er die jenseitige/materielle Welt mit der diesseitige/nichtmateriellen Welt zusammen, denn wenn der Mensch in Geist, Seele und Leib gedacht/begriffen wird, zeigt dies an, dass wir beide Weltteile in uns tragen.
Verknüpft mit der Erfahrung dieses Verlustes setzt auch eine Neuinterpretation bisher gedachter religiöser Deutung ein. Das biblische Wort im Alten Testament (Psalm 31,9) gewinnt an besonderer Bedeutung: „DU stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Und so lässt sich Hartmut Schott auf die Auseinandersetzung mit verschiedenen spirituellen Lehrern, Wissenschaftlern und Theologen ein; dabei geht es vorrangig um die Frage der Erfahrbarkeit des Unsichtbaren. Diese Leistungen des Denkens und Deutens sind verwoben mit dem Erleben und den Empfindungen des ersten Trauerjahres. Dabei werden den Leser*innen immer wieder Erinnerungen an Ricardo zugänglich gemacht.
Zum Ende seines Buches verweist Hartmut Schott nochmals auf den Unterschied der möglichen Trauerwege in Abhängigkeit davon, ob sich der trauernde Mensch auf die unsichtbare Dimension einlässt oder nicht, denn jener Satz „Gott hat beim Suizid meines Sohnes zugeschaut“ kann für ihn nun weiter geführt mit: “das tröstet mich und gibt mir Kraft“.
Wer sich hier angesprochen fühlt, für den lohnt sich das Lesen dieses feinsinnig geschriebenen und zutiefst berührenden Buches, das eine Fülle von Impulsen setzt und dabei immer wieder tröstliche Solidarität gegenüber anderen Betroffenen zu erweisen vermag. Ein Buch, das zum Aufbruch - im tieferen Wortsinn - einlädt.